Tierhalterhaftung bei ungewöhnlicher Schreckreaktion des Geschädigten

Zu Landgericht Coburg, Urteil vom 29.11.2013  – 32 S 47/13 –

Gemäß § 833 BGB haftet der Halter eines Tieres grundsätzlich für die durch sein Tier verursachten Schäden. Eine Haftung des Tierhalters greift auch bei gewöhnlichen Schreckreaktionen. Das Landgericht Coburg entschied, dass nur in Fällen von nachgewiesenen Überreaktionen die Tierhalterhaftung entfällt. Im zugrundeliegenden Fall wies das Landgericht mithin die Klage eines Schülers auf Schmerzensgeld gegen einen Hundebesitzer ab. Denn der Schüler konnte den Nachweis, dass sein Sturz vom Fahrrad durch den bellenden Hund verursacht worden war, nicht führen.

Dem Urteil lag folgender Sachverhalt zugrunde:

Der klagende Schüler befuhr einen 2,30 m breiten, geraden Weg zur Schule. Der beklagte Hundebesitzer ging mit seinem Hund spazieren. Der Hund bellte und machte eine Bewegung als der Kläger an dem Hund und dem Beklagtem vorbeifahren wollte. Der beklagte Hundehalter hielt seinen Hund dabei am Halsband fest. Der Schüler stürzte und zog sich Verletzungen im Gesicht, an der Hund und an den Zähnen zu.

Der Kläger verlangte Schmerzensgels in Höhe von mindestens 1.800 Euro und wollte darüber hinaus klagte er auf Feststellung eines ihm zustehenden Erstattungsanspruchs sämtlicher ihm durch den Vorfall entstandenen Schäden. Der Kläger sei über die Bewegung des Hundes so erschrocken gewesen, dass er spontan mit einer Ausweichbewegung reagiert habe. Deshalb sei er gestürzt.

Vom Beklagten wurde eingeräumt, dass sein Hund versucht habe, hochzuspringen. Dies habe er jedoch durch das Festhalten am Halsband verhindern können.

Die Klage wurde vom Amtsgericht Coburg abgewiesen. Zur Begründung gab es an, dass die Tierhalterhaftung nicht eingreift, wenn eine ungewöhnliche Schreckreaktion des Geschädigten vorliegt. Zur Beurteilung ist auf die Bevölkerungsgruppe abzustellen, der der Verletzte angehört. Bei einer selbstschädigenden Reaktion, welche vernünftigerweise nicht veranlasst war sowie bei Inkaufnahme von Risiken welcher außer Verhältnis zur Tiergefahr stehen, haftet der Tierhalter nicht gemäß § 833 BGB.

Das Amtsgericht Coburg ging aufgrund der weitestgehend übereinstimmenden Sachverhalts-schilderung davon aus, dass das Verhalten des Hundes, nämlich das einmalige Bellen zusammen mit dem Aufrichten der Vorderbeine, die Ausweichreaktion des Klägers nicht gerechtfertigt hat. Vielmehr sah das Gericht eine unangemessene Schreckreaktion des Klägers als gegeben an. Bei dem Kläger handelt es sich um einen sportlichen jungen Mann. Der Hund wurde von dem Beklagten am Halsband festgehalten. In dem Ausweichmanöver des Klägers sah das Amtsgericht eine Überreaktion.

Der Kläger wollte sich mit dem amtsgerichtlichen Urteil nicht zufrieden geben und ging in die Berufung. Aber auch das Landgericht Coburg konnte keine „spezifische Tiergefahr“ erkennen. Es stellte vielmehr fest, dass der Hund weder besonders groß noch gefährlich wirkte. Da der beklagte Hundehalter sich in unmittelbarer Nähe seines Hundes befand und diesen am Halsband festhielt bestand nach Auffassung des Landgerichts Coburg für ein derartiges Ausweichmanöver, welches zum Sturz führte, keine Veranlassung. Deshalb wurde die Berufung zurückgewiesen.